Von Yoga, Achtsamkeit, Balance und Ganzheitlichkeit

Meine Eindrücke vom Kongress „Yoga bewegt gestern – heute – morgen“

Vom 23.06. bis 25.06.17 habe ich am Kongress meines Yoga-Berufsverbandes (BDY e.V.) teilgenommen und wurde auf´s Angenehmste überrascht von den Inhalten, den Menschen, den Erlebnissen. Dass mich die Inhalte angenehm überrascht haben, ist eine Untertreibung. Geradezu geflasht haben sie mich – sowohl die Vorträge und Workshops der Yoga-Größen wie Helga Simon-Wagenbach, Anna Trökes und Dr. Ronald Steiner als auch die Vorträge der Wissenschaftler Professor Dr. Joachim Bauer und Dr. Holger Cramer.

Es ist geradezu verblüffend, wie immer mehr die Bereiche meiner Arbeit ineinanderfließen: Auf dem Kongress wurden Professor Dr. Walach, ein Experte in Sachen Achtsamkeit, und Professor Dr. Hartmut Rosa, der Soziologe, der das Werk „Resonanz“ verfasst hat, erwähnt, Albert Pietzko aus Bad Kissingen war anwesend, Therapie und Yoga wurden in enge Verbindung gebracht. Ja, es gehört alles zusammen, es greift ineinander.

Auf der Webseite des BDY e.V. (bzw. auf YouTube) ist übrigens ein knapp 12-minütiger Film zur Entwicklung des Berufsverbandes abrufbar, u.a. spricht Antje Bischoff, eine meiner alten Abschlussprüferinnen aus Kiel. Mit Klick zum Film.

Ausgewählte Beträge

Helga Simon-Wagenbach referierte ausführlich über Kriya-Yoga, der Meditation in Aktion, und betonte die Bedeutung des Atems im Üben. Dieser sehr alten Tradition des Yoga werde ich mich im kommenden Halbjahr im Abendkurs widmen. Helga unterstrich das Erleben der eignen praktischen Erfahrung auf der Matte. Sehr spannend ist, dass der Kriya-Yoga quasi Grundlage ist für den 8-gliedrigen Pfad des Raja Yoga nach dem ich ausgebildet bin.

Ziel ist die Kultivierung einer inneren Haltung, sodass das Ausleben der Yama (Verhaltenskodex) und Niyama (Selbstdisziplin) möglich wird. Immer wieder kommt Helga auf den Atem als Werkzeug der Wahl zum Erreichen von Balance zu sprechen. Die Körperübungen haben nach ihr meditativen Status. Ich freue mich schon jetzt, auf dieser philosophischen Grundlage den Herbstkurs zu gestalten!

Anna Trökes, die zweite aktuelle „grande dame“ des Yoga derzeit, widmete sich in ihrem Workshop dem Neure-Yoga. Auch sie griff die Die der Balance auf (allen meinen Yogis müssten mittlerweile die Ohren klingeln, denn Balance ist auch immer wieder mein Thema). Anna ist es ein großes Anliegen, die Übenden aus der Willenskraft herauszuführen, also weg vom Leisten hin zu radikal einfachen Sein. Sehr wichtig war ihr Hinweis, dass Gestresste schrittweise das Körperbewusstsein verlieren und im Grunde nur noch leisten können.

Es gilt, diese Übenden zurückzuführen zum Körpergefühl – und das eben mit sehr einfachen Übungen. Am Rande spannend war die Tatsache, dass Anna Ashtanga-Yoga für sich entdeckt hat, jene doch eher kraftvolle Art des Übens. Mit Mitte 60 ist es ihr ein Bedürfnis stabil im Körper zu sein und diese Stabilität auch lange zu erhalten. Eine kraftvolle Art des Übens ist dabei hilfreich. Darüber hinaus betont sie die Sinnhaftigkeit von Übungen auf wackeligem Untergrund, da auf diese Weise das Nervensystem insgesamt sehr gut geschult wird.

Yogatherapie…

… war ein von mir gewählter Schwerpunkt in den Workshops. Tatsächlich geht der Trend immer mehr dort hin und es wird interessant, wie das Gesundheitssystem auf die aktuellen Studienergebnisse reagieren wird (Yoga ist genauso wirksam wie Physiotherapie bei Rückenschmerzen, Yoga lindert Bluthochdruck – siehe unten). Alexander Peters, Yogalehrer BDY, Heilpraktiker, umfassend in Ayurveda geschult, aus Berlin und Dr. Ronald Steiner, Arzt, Sportmediziner und Ashtanga-Yoga Praktizierender, aus Ulm haben in ihren Workshop sehr interessante Aspekte in der Entwicklung beleuchtet. Am Immanuel Krankenhaus in Berlin wurde bereits Yogatherapie erfolgreich eingesetzt. Und auch ich stehe mit einem Hamburger Kardiologen in engem Kontakt. Sowohl Alexander als auch Ronald betonten die Ganzheitlichkeit dieser Therapieform, wobei die Erkenntnis der Eigenverantwortlichkeit des Patienten jedoch eine sehr wichtige Rolle spielt. Yogatherapie funktioniert nicht dadurch, dass der Patient sein Thema dem Therapeuten überlässt. Vielmehr gilt es, das therapeutische Arbeiten als einen Prozess in der persönlichen Entwicklung zu sehen. Ron arbeitete hier den pyramidenartigen Aufbau des Übungssystems heraus: Will ich einen balancierten Geist, benötige ich einen balancierten Körper. Will ich einen balancierten Körper ist Hatha Yoga das Mittel der Wahl. Und letztendlich ist es egal, ob eine Krankheit vorliegt oder nicht: Der Wahlspruch eines jeden sollte lauten „Use it or lose it“. Soll heißen: Wenn ich dauerhaft in Fehl- oder Schonhaltung gehe und Bewegungen vermeide, werde ich bestimmte körperliche Fähigkeiten über die Zeit verlieren. Es gilt vielmehr, genau dort Bewegung im passenden Rahmen zu initiieren, wo Einschränkungen vorliegen, wo es sich unangenehm anfühlt, wo es anstrengend ist.

Yoga in der Wissenschaft

Sehr spannend waren die Abschlussvorträge von Prof. Dr. Bauer, Universität Freiburg, und Dr. Cramer, Universität Duisburg-Essen. Während Dr. Bauer Yoga aus neurowissenschaftlicher Sicht beleuchtete und aufzeigte, wie Yoga und Meditation dauerhaft Hirnstrukturen im positiven Sinne verändert, stellte Dr. Cramer, zu dem ich mittlerweile auch persönlich Kontakt hatte, eine jüngst abgeschlossene Studie zum Thema „Yoga in der unterstützenden Behandlung von Bluthochdruck“ vor. Seine Ergebnisse sind über die Maßen faszinierend, denn es konnte nachgewiesen werden, dass das Üben von klassischem Hatha Yoga tatsächlich langfristig den Blutdruck senken kann. Schade, dass keine der eingeladenen Krankenkasse der Einladung zum Kongress gereist ist. Ich bin überzeugt, dass sich der Gesundheitsmarkt in den kommenden Jahren weiter gewaltig wandeln wird, eben nich nur im Bereich der Gesundheitsförderung (siehe hierzu mein Artikel zur betrieblichen Gesundheitsförderung), sondern gerade auch auf dem therapeutischen Sektor.

Insgesamt war dieser Kongress äußerst gelungen – und irgendwie viel zu kurz. Ich bin heimgekehrt mit sehr vielen neuen Ideen, die ich in die Yogagruppen, die Yoga-Einzelarbeit und auch mein therapeutisches Nutzen von Yoga – z. B. bei Angststörungen – einfließen lassen werde.